Wenn Sport kein Verfallsdatum hat

Fußball mit 80? Für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Schwimmen mit 80 oder 90? Das gibt es auch beim SC Wiesbaden. Was zunächst wie eine Besonderheit einzelner Sportler aussieht, verweist auf eine grundsätzliche Eigenschaft des Wassersports: Er kann Menschen über einen außergewöhnlich langen Teil ihres Lebens als aktiven Sport begleiten.


Sport und Alter haben ein nicht ganz einfaches Verhältnis. Dass regelmäßige Bewegung auch im Alter wichtig ist, dürfte heute kaum noch jemand bestreiten. Interessanter ist jedoch eine andere Frage: Wie lange kann ein Mensch eigentlich seinen Sport weiterbetreiben?


Bei vielen Sportarten setzt der Körper irgendwann Grenzen. Wer jahrzehntelang Fußball, Handball, Tennis oder andere lauf- und sprungintensive Sportarten betrieben hat, kennt die Belastungen für Gelenke, Muskeln und Sehnen. Schnellkraft und Reaktionsfähigkeit verändern sich, Bewegungen fallen schwerer und das Verletzungsrisiko kann steigen. Das bedeutet keineswegs, dass ältere Menschen keinen Sport an Land treiben sollten. Die Art und Intensität der sportlichen Betätigung verändert sich jedoch häufig.


Im Wasser liegen die Voraussetzungen anders. Der Auftrieb trägt einen erheblichen Teil des Körpergewichts, gleichzeitig bleibt Bewegung gegen den Widerstand des Wassers möglich. Geschwindigkeit, Strecke, Intensität und Pausen können angepasst werden, ohne dass die grundlegende Sportart aufgegeben werden muss.


Aus zehn Trainingseinheiten können irgendwann zwei werden, aus hohen Umfängen kürzere Strecken und aus der Jagd nach absoluten Bestzeiten der Vergleich mit der eigenen Altersklasse.


Der Schwimmer bleibt trotzdem Schwimmer.


Selbst Vollkontaktsport ist im hohen Alter möglich


Wie weit diese Besonderheit des Wassers reichen kann, zeigt ausgerechnet eine Sportart, die man kaum mit schonendem Alterssport verbinden würde: Unterwasserrugby.


Dabei handelt es sich um einen körperlich anspruchsvollen Vollkontaktsport. Zwei Mannschaften versuchen unter Wasser, einen mit Salzwasser gefüllten Ball in einen am Beckenboden stehenden Korb zu bringen. Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Orientierung und taktisches Verständnis werden ebenso benötigt wie die Fähigkeit, immer wieder abzutauchen.


2019 porträtierte der Weser-Kurier den damals 71-jährigen Lothar Maienschein als ältesten Bremer Bundesligaspieler im Unterwasserrugby. Besonders interessant war dabei seine eigene Einschätzung. Fußball oder Tennis machten seine Knie nicht mehr mit, während er die Belastung im Wasser anders wahrnahm. In seiner Mannschaft gab es sogar einen 81-Jährigen, der bis einige Jahre zuvor noch Bundesliga gespielt hatte und grundsätzlich weiterhin mittrainierte.


Das sind außergewöhnliche Beispiele. Gerade deshalb zeigen sie aber, dass wir bei „Sport im Alter“ nicht zwangsläufig nur über Gymnastik, Prävention oder spezielle Seniorenangebote sprechen müssen.


Menschen können auch im hohen Alter weiterhin Sportler sein.


Beim SCW ist das keine Theorie


Dafür müssen wir gar nicht weit schauen.


In den Masters-Gruppen des SC Wiesbaden trainieren bis heute Menschen, deren sportliche Biografien teilweise viele Jahrzehnte zurückreichen.


Gudrun, Jahrgang 1938, gehört seit 1987 zum SCW und kommt noch immer regelmäßig zum Training. Hartmut, Jahrgang 1945, ist bereits seit 1965 Mitglied des Vereins und ebenfalls weiterhin im Wasser aktiv.


Wer zweimal in der Woche zum Training ins Schwimmbad kommt, macht nicht einfach nur „etwas Bewegung“. Training bleibt Training, auch wenn sich Umfang, Geschwindigkeit und persönliche Ziele über die Jahrzehnte verändern.


Ein weiteres Beispiel ist Hans-Joachim Zink, Jahrgang 1954. Bei ihm kommt zum regelmäßigen Training weiterhin der Wettkampf hinzu. Er startet noch immer bei Masters-Meisterschaften für den SCW. 2025 gewann er in der Altersklasse 70 den Hessischen Mastersmehrkampf über die Rückenstrecken.


Auch bei den Deutschen Mastersmeisterschaften ist er weiterhin am Start. Bei den Deutschen Meisterschaften der Masters 2026 in Gera gehörte Hans-Joachim erneut zum SCW-Aufgebot. Der Verein reiste dort mit fünf Masters zu den nationalen Titelkämpfen.


Das zeigt einen wichtigen Unterschied: Sport im Alter muss nicht bedeuten, eine frühere Sportart durch ein altersgerechtes Bewegungsangebot zu ersetzen. Im Schwimmen kann der ursprüngliche Sport selbst altersgerecht werden.


Vom Olympiaschwimmer zum Masters-Schwimmer


Eine außergewöhnlich lange sportliche Linie verkörpert auch SCW-Ehrenmitglied Folkert Meeuw.

Der Jahrgang 1946 kam 1959 zum SC Wiesbaden. Seine Karriere führte ihn später in die internationale Spitze und zu zwei Olympischen Spielen. 1972 gewann er mit der deutschen 4-mal-200-Meter-Freistilstaffel olympisches Silber.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist Folkert noch immer Wettkampfschwimmer.


Heute startet er im Mastersbereich für seinen zweiten Verein. Bei den Deutschen Mastersmeisterschaften 2026 in Gera schwamm er mit der Staffel der SG Wuppertal sogar einen Altersklassenrekord. Der SCW berichtete darüber anlässlich der eigenen Masters-Erfolge in Gera.


An dieser Stelle ließe sich über die außergewöhnliche Schwimmerfamilie Meeuw noch viel mehr erzählen. Das soll jedoch einer eigenen Geschichte vorbehalten bleiben.


Für unsere Betrachtung reicht zunächst eine bemerkenswerte Feststellung:

Zwischen Folkerts Olympiamedaille von 1972 und seinen Masters-Wettkämpfen von heute liegt mehr als ein halbes Jahrhundert. Und trotzdem handelt es sich noch immer um denselben Sport.


Der Wettkampfsport kennt dafür keine feste obere Grenze


Das Masters-Schwimmen hat diese lebenslange Perspektive längst in seine Wettkampfstruktur übernommen.


Die internationalen Regeln von World Aquatics teilen Masters-Schwimmer in Fünfjahres-Altersklassen ein. Auf 70–74 folgen 75–79, 80–84, 85–89 und 90–94. Danach geht es in weiteren Fünfjahresschritten weiter, so hoch wie erforderlich.


Das ist nicht nur eine theoretische Regel für Altersklassen, die kaum jemals benötigt werden.


2026 stellte die US-Amerikanerin Maurine Kornfeld einen Weltrekord über 50 Meter Rücken auf der Langbahn auf. Ihre Zeit: 2:05,63 Minuten.


Das Außergewöhnliche war nicht die Zeit.

Kornfeld startete in der Altersklasse 105 bis 109 Jahre.

World Aquatics erkannte ihre Leistung als ersten Frauen-Weltrekord dieser Altersklasse an. Bei den Männern hatte der Kanadier Jaring Timmerman bereits 2014 Weltrekorde über 50 Meter Rücken und 50 Meter Freistil in derselben Altersgruppe aufgestellt.

World Aquatics führt Masters-Weltrekorde weiterhin über praktisch das gesamte klassische Schwimmprogramm, von 50 Meter Freistil bis zu 1.500 Meter Freistil sowie über Rücken, Brust, Schmetterling und Lagen.


Das bedeutet: Auch im sehr hohen Alter geht es nicht ausschließlich darum, sich irgendwie im Wasser zu bewegen. Es gibt weiterhin Strecken, Zeiten, Wettkämpfe, Altersklassen und Rekorde.


Nicht der Sport verschwindet, sondern die Leistung verändert sich


Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Unterschied.


Natürlich schwimmt ein 85-Jähriger nicht mehr so wie mit 25. Der Körper verändert sich. Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Regeneration verändern sich ebenfalls. Trainingsprogramme müssen darauf reagieren.


Aber der Sport muss deshalb nicht verschwinden.


Die Bahn bleibt dieselbe Bahn. Die Schwimmarten bleiben Freistil, Rücken, Brust oder Schmetterling. Es gibt weiterhin Starts und Wenden, Trainingsserien und Pausen, Mannschaftskameraden und Trainer. Wer möchte, kann weiterhin an Wettkämpfen teilnehmen und sich dort mit Menschen derselben Altersklasse messen.


Die absolute Leistung wird geringer.

Die sportliche Leistung bleibt.


Genau deshalb greift es zu kurz, ältere Menschen im Schwimmbad ausschließlich unter den Begriffen Gesundheit, Prävention oder Rehabilitation zu betrachten. Diese Angebote haben selbstverständlich ihre Berechtigung. Aber daneben existiert etwas anderes: lebenslanger Vereinssport.


Gudrun und Hartmut sind weiterhin beim Training. Hans-Joachim startet weiterhin für den SCW bei Meisterschaften. Folkert steht mehr als fünf Jahrzehnte nach seinen Olympischen Spielen weiterhin bei Masters-Wettkämpfen auf dem Startblock.

Das sind unterschiedliche sportliche Biografien. Gemeinsam ist ihnen, dass es keinen bestimmten Geburtstag gab, an dem aus dem Sportler plötzlich ein ehemaliger Sportler werden musste.


Was hat das mit Wiesbadens Bädern zu tun?


In Teil 8 dieser Serie haben wir betrachtet, wie sich Wiesbadens Bevölkerung entwickelt. Schon das Bäderkonzept ging davon aus, dass der Bedarf an Wasserfläche künftig eher steigen dürfte und nannte dafür neben dem Bevölkerungswachstum ausdrücklich auch das steigende durchschnittliche Lebensalter.


Mit Blick auf die älter werdende Bevölkerung wird häufig zuerst an Gesundheitsangebote gedacht. Für die Bäderplanung reicht diese Perspektive jedoch nicht aus.


Wenn Menschen ihren Wassersport länger betreiben können, benötigen sie auch länger Trainingsmöglichkeiten.

Eine Masters-Gruppe braucht Wasserzeit genauso wie eine Nachwuchsgruppe. Sie benötigt vielleicht andere Trainingszeiten und hat andere Trainingsziele. Aber auch ihre Mitglieder wollen Bahnen schwimmen, trainieren und teilweise Wettkämpfe vorbereiten.


Das steigende Lebensalter kann deshalb eine ganz andere Folge haben als lediglich einen höheren Bedarf an speziellen Seniorenangeboten:

Die Zeitspanne, in der Menschen reguläre Nutzer der Sportinfrastruktur sind, kann länger werden.


Für eine Stadt, die ihre Schwimmbäder für viele Jahrzehnte plant, ist das ein wichtiger Gesichtspunkt.


Sportler bleiben


Vielleicht müssen wir deshalb auch unsere Vorstellung vom Sport im Alter verändern.


Es geht nicht nur darum, ältere Menschen möglichst lange zu Bewegung zu motivieren. Viele von ihnen müssen gar nicht erst neu motiviert werden. Sie haben ihren Sport bereits gefunden.


Sie möchten ihn lediglich weiter ausüben.


Das Wasser bietet dafür Möglichkeiten, die in dieser Form nur wenige Sportarten besitzen. Trainingsumfang und Geschwindigkeit können kleiner werden, Ziele können sich verändern und Wettkampf kann irgendwann durch gemeinsames Training ersetzt werden. Bei anderen bleibt selbst der Wettkampf bis ins sehr hohe Alter erhalten.


Wer mit 80 noch zweimal in der Woche seine Bahnen zieht, muss deshalb nicht in erster Linie „Seniorensportler“ sein.


Er kann einfach das sein, was er vielleicht schon seit Jahrzehnten ist:

Schwimmer.


Und dafür braucht es auch in einer älter werdenden Stadt nicht nur gute Vorsätze, sondern etwas sehr Konkretes:

Wasserzeit.



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