Von der Konkurrenz um Wasserflächen zum Konzept der Gemeinsamkeit
Öffentliches Schwimmen, Schulschwimmen, Schwimmausbildung, Gesundheitssport und Vereinstraining brauchen Wasserfläche. Wo diese knapp ist, entsteht zwangsläufig Konkurrenz um Bahnen und Nutzungszeiten. Die Rheinhöhe bietet die Chance, diese unterschiedlichen Formen der Schwimmbadnutzung künftig stärker miteinander zu verbinden.
Wer heute im Hallenbad Kleinfeldchen am Trainingsbecken vorbeigeht, kann eine interessante Beobachtung machen.
Zwischen dem öffentlichen Bereich und dem Trainingsbecken befinden sich große Glasflächen. Dahinter, etwas tiefer gelegen, trainieren zeitweise zahlreiche Schwimmerinnen und Schwimmer gleichzeitig. Bahn um Bahn wird absolviert, Starts und Wenden werden geübt, Trainer stehen am Beckenrand. Wenn die Trainingsgruppen voll im Einsatz sind, scheint das Wasser förmlich zu kochen.
Und auf der anderen Seite der Scheibe?
Dort bleiben immer wieder Menschen stehen. Erwachsene, Jugendliche, Eltern mit kleinen Kindern. Manche nur kurz, andere schauen längere Zeit gebannt zu.
Für einen Moment treffen dort zwei Bereiche aufeinander, die in der Diskussion über Schwimmbäder häufig getrennt betrachtet werden: der öffentliche Badebetrieb und der organisierte Sport.
Genau darin liegt eine der großen Chancen des neuen Sportparks Rheinhöhe.
Wasserfläche ist eine begehrte Infrastruktur
Schwimmbäder müssen heute sehr unterschiedliche Aufgaben erfüllen.
Menschen möchten ihre Bahnen schwimmen oder ihre Freizeit im Wasser verbringen. Schulen benötigen Wasserzeiten für den Schwimmunterricht. Kinder müssen schwimmen lernen. Gesundheits- und Rehabilitationsangebote brauchen geeignete Becken. Vereine benötigen Trainingsmöglichkeiten für Nachwuchs-, Breiten- und Leistungssport. Hinzu kommen Wasserball, Triathlon, Tauchsport und weitere Formen des Wassersports.
Das Problem dabei ist nicht, dass diese Interessen gegeneinander gerichtet wären.
Sie konkurrieren um dieselbe Infrastruktur.
Eine Schwimmbahn kann zu einem bestimmten Zeitpunkt nur einmal vergeben werden. Ein Becken, das vollständig mit Vereinstraining belegt ist, steht in dieser Zeit nicht für den öffentlichen Badebetrieb zur Verfügung. Umgekehrt können Vereine nicht trainieren, wenn sämtliche Bahnen für die Öffentlichkeit benötigt werden.
Je knapper die Wasserfläche, desto schwieriger wird diese Verteilung.
Zehn Bahnen schaffen mehr als nur Platz
Im fünften Teil unserer Serie haben wir beschrieben, wie aus den Überlegungen zu einem „50-m-Wettkampfbecken 8–10 Bahnen“ schließlich das heute entstehende 50 × 25 Meter große Sportbecken mit zehn Bahnen wurde.
Diese zehn Bahnen sind nicht nur für Wettkämpfe wichtig.
Ihre vielleicht größere Bedeutung zeigt sich im täglichen Betrieb.
Ein zehn Bahnen breites Becken bietet die Möglichkeit, unterschiedliche Nutzungen miteinander zu kombinieren. Während auf einem Teil der Wasserfläche öffentlich geschwommen wird, können gleichzeitig einzelne Bahnen für Vereinstraining genutzt werden.
Damit muss die Vergabe von Vereinswasser nicht automatisch bedeuten, dass das Sportbecken für andere Besucher vollständig geschlossen wird.
Gerade das unterscheidet eine große, flexibel nutzbare Wasserfläche von kleineren Becken, bei denen unterschiedliche Nutzungen viel schneller nur nacheinander möglich sind.
Öffentlichkeit und Vereinssport werden füreinander sichtbar
Die gleichzeitige Nutzung hat noch einen zweiten Effekt.
Vereinssport findet dann nicht irgendwo außerhalb der Wahrnehmung der Öffentlichkeit statt.
Besucher können erleben, was auf den Trainingsbahnen passiert. Ähnlich wie auf dem Fußballplatz.
Das Beispiel des Kleinfeldchens zeigt, wie faszinierend das sein kann. Wenn dort viele Aktive gleichzeitig trainieren, bleiben Menschen an den Scheiben stehen und schauen zu.
Ein Kind, das gerade selbst schwimmen gelernt hat, sieht plötzlich ältere Kinder durch das Wasser fliegen. Eltern erleben, wie aus dem Schwimmenlernen später Sport werden kann. Erwachsene sehen, mit welcher Intensität und Disziplin Jugendliche und Leistungsschwimmer trainieren.
Vereinstraining wird damit zu einem sichtbaren Teil des Lebens im Schwimmbad.
Vielleicht entsteht daraus sogar die eine oder andere Frage:
Kann mein Kind das auch einmal lernen? Wie oft trainieren diese Schwimmer? Wie kommt man eigentlich in einen Schwimmverein?
Ein öffentliches Schwimmbad kann so gleichzeitig ein Schaufenster des organisierten Sports sein.
Getrennt und trotzdem sichtbar: das Lehrbad
Dieses Prinzip findet sich in der Rheinhöhe nicht nur beim Sportbecken.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist das separate Lehrbad mit Hubboden.
Gerade für den Schwimmunterricht ist eine räumliche Trennung sinnvoll. Schulklassen können dort in einem eigenen Bereich unterrichtet werden, ohne dass der öffentliche Badebetrieb durch die Gruppe führt oder andere Badegäste den Unterricht unmittelbar stören.
Die Glasflächen schaffen dabei eine interessante Verbindung:
Das Schulschwimmen ist geschützt und abgetrennt, aber nicht aus dem Schwimmbad verschwunden.
Auch hier bleibt für Besucher sichtbar, dass ein Bad weit mehr Aufgaben erfüllt als Freizeit und individuelles Bahnenschwimmen.
Ein Becken für viele Aufgaben
Der Hubboden erweitert diese Möglichkeiten zusätzlich.
Die Wassertiefe kann an unterschiedliche Nutzungen angepasst werden. Damit eignet sich das Lehrbad nicht nur für Schulschwimmen und Schwimmausbildung.
Es kann ebenso für Kurs- und Gesundheitsangebote von mattiaqua und den Vereinen genutzt werden.
Zu einer Tageszeit lernen dort vielleicht Kinder schwimmen. Später findet ein Gesundheits- oder Bewegungsangebot statt. Zu anderen Zeiten kann das Becken für weitere Kursangebote eingesetzt werden.
Die Infrastruktur bleibt dieselbe. Ihre Nutzung verändert sich über den Tag.
Genau diese Flexibilität ist für ein modernes Schwimmbad von großer Bedeutung.
Nicht jeder braucht zur gleichen Zeit dasselbe Wasser
Damit verändert sich auch die Frage, wie man über Wasserzeiten spricht.
Es geht nicht nur darum, möglichst viele Quadratmeter Wasser zu bauen.
Entscheidend ist, welche Wasserfläche für welche Nutzung zu welcher Zeit benötigt wird.
Ein Leistungsschwimmer braucht eine lange Trainingsbahn, für Anfänger ist die 25m Bahn besser. Ein Kind beim ersten Schwimmkurs braucht eine ganz andere Wassertiefe, Bahnlänge und Betreuung. Schulklassen benötigen einen geschützten Unterrichtsbereich. Für Gesundheitsangebote wiederum können andere Wassertemperaturen, Tiefen und Bewegungsmöglichkeiten wichtig sein.
Ein Freizeitbad muss diese unterschiedlichen Anforderungen zusammenbringen.
Die Rheinhöhe bietet dafür wesentlich mehr Möglichkeiten als ein einzelnes Becken, das nacheinander möglichst viele Aufgaben übernehmen muss.
Aus Konkurrenz kann Gemeinsamkeit werden
Darin liegt vielleicht eine der wichtigsten Chancen des gesamten Projekts.
Die Möglichkeiten der Rheinhöhe können aus der Konkurrenz um die Infrastruktur der Bäder ein Konzept der Gemeinsamkeit machen.
Unterschiedliche Formen der Schwimmbadnutzung können gleichzeitig stattfinden, ohne sich gegenseitig vollständig zu verdrängen.
Öffentlichkeit und Vereinssport können sich das Sportbecken teilen. Schulschwimmen kann geschützt im Lehrbad stattfinden. Schwimmausbildung und Gesundheitsangebote können dieselbe flexible Infrastruktur zu unterschiedlichen Zeiten nutzen.
Und weil viele dieser Nutzungen füreinander sichtbar bleiben, können sie stärker als Teile eines gemeinsamen Schwimmbades wahrgenommen werden.
Nicht als getrennte Welten, sondern als unterschiedliche Aufgaben derselben öffentlichen Sport- und Freizeitinfrastruktur.
Die Architektur schafft die Möglichkeit, der Betrieb muss sie nutzen
Allerdings geschieht diese Gemeinsamkeit nicht automatisch.
Zehn Bahnen allein garantieren noch keine guten Trainingsbedingungen. Ein Lehrbad mit Hubboden schafft noch keinen zusätzlichen Schwimmkurs. Und eine Glaswand sorgt noch nicht dafür, dass Öffentlichkeit und Vereinssport sinnvoll nebeneinander stattfinden.
Entscheidend wird nach der Eröffnung sein, wie die vorhandenen Möglichkeiten genutzt und die Wasserzeiten organisiert werden.
Dabei muss es gelingen, die Bedürfnisse der unterschiedlichen Nutzer zu berücksichtigen, ohne die vorhandenen Wasserflächen unnötig voneinander abzuschotten.
Genau hier kann die Größe und Flexibilität der Rheinhöhe ihre Stärke ausspielen.
Ein Schwimmbad als gemeinsamer Ort
Vielleicht wird man einige Jahre nach der Eröffnung etwas erleben, das heute im Kleinfeldchen bereits im Kleinen zu beobachten ist:
Menschen ziehen im öffentlichen Bereich ihre Bahnen. Daneben trainiert eine Vereinsgruppe. Hinter einer Glasfläche lernen Kinder mit ihrer Schulklasse schwimmen. Später findet dort ein Gesundheitskurs statt. Besucher bleiben stehen und schauen den Sportlern beim Training zu.
Jeder nutzt das Bad anders.
Und trotzdem nutzen alle ein gemeinsames Schwimmbad.
Nach jahrzehntelanger Diskussion über fehlende Wasserzeiten und die Verteilung knapper Wasserflächen könnte genau das eine der wichtigsten Qualitäten der Rheinhöhe werden:
Nicht nur mehr Möglichkeiten für einzelne Nutzer zu schaffen, sondern unterschiedliche Formen der Schwimmbadnutzung miteinander zu verbinden.
Fortsetzung folgt
Teil 7: Wie viel Wasser braucht der Wiesbadener Schwimmsport?
Mit der Rheinhöhe entsteht eine neue große Wasserfläche. Doch gleichzeitig wächst Wiesbaden, Kinder sollen schwimmen lernen, Schulen benötigen Wasserzeiten und die Vereine entwickeln ihre Angebote weiter.
Wie groß ist der tatsächliche Bedarf? Wer nutzt Wiesbadens Schwimmbäder heute? Und reicht die vorhandene Wasserfläche langfristig für Öffentlichkeit, Schulen, Schwimmausbildung und Sport?
Darum geht es im nächsten Teil unserer Serie.




















