Warum Wiesbaden zehn 50-Meter-Bahnen bekommt

Zehn Bahnen, 50 Meter Länge, Zuschauertribüne und die Möglichkeit, wieder größere Schwimmwettkämpfe in Wiesbaden auszurichten. Heute sind diese Eckdaten des neuen Sportbades auf der Rheinhöhe längst beschlossen und der Rohbau lässt die Dimensionen bereits erkennen. Doch selbstverständlich war das alles nicht. Viele Details des heutigen Bades haben ihren Ursprung in Ideen, die Wiesbadener Bürger und Sportvereine bereits 2017 auf Karten geschrieben und in die Planung eingebracht haben.


Was braucht Wiesbaden eigentlich für ein Schwimmbad?


Nachdem sich die Rheinhöhe als Standort für das neue Bad herauskristallisiert hatte, begann die für den Sport entscheidende Diskussion.


Denn ein 50-Meter-Becken ist nicht automatisch ein gutes Sportbad.


Wie viele Bahnen braucht Wiesbaden? Wie tief muss das Wasser sein? Können dort größere Wettkämpfe stattfinden? Wo sitzen Zuschauer? Was brauchen Schwimmsport, Wasserball, Tauchsport und Unterwasserrugby? Und wie lässt sich all das mit Schulschwimmen, öffentlichem Badebetrieb und Schwimmausbildung verbinden?


Bei der ersten großen Beteiligungsveranstaltung am 12. Mai 2017 konnten Bürger und Vereine ihre Vorstellungen formulieren.

Die Ideen wurden zunächst ganz unkompliziert gesammelt: auf Karten.


Was damals teilweise noch wie eine Wunschliste aussah, ist heute besonders interessant. Denn vieles davon findet sich im neuen Sportpark tatsächlich wieder.


Acht oder zehn Bahnen?


Eine der zentralen Forderungen des Schwimmsports war ein durchgängiges 50-Meter-Becken.

Das war für Wiesbaden keineswegs selbstverständlich.


Das alte ESWE-Bad hatte zwar ein fast 50 Meter langes Becken. Wegen der fehlenden Zentimeter entsprach es jedoch nicht der erforderlichen Wettkampflänge. Genau dieses Problem sollte sich beim Neubau nicht wiederholen.

Bei der Beteiligung ging es deshalb nicht nur um die Länge, sondern auch um die Breite des neuen Beckens.

In der späteren Dokumentation der 2017 gesammelten Vorschläge findet sich die Forderung:

„50-m-Wettkampfbecken 8–10 Bahnen“


Hinter dieser etwas ungewöhnlichen Formulierung steckte auch eine Diskussion innerhalb des Wiesbadener Sports.


Aus dem Umfeld des Tauchclub Pulpo wurde ein Becken mit zehn 50-Meter-Bahnen vorgeschlagen. Von Seiten des Schwimmsports wurde auch eine Variante mit acht Bahnen als mögliche Größe eingebracht.

Am Ende setzte sich die größere Lösung durch.


Heute entsteht auf der Rheinhöhe ein 50 × 25 Meter großes Sportbecken mit zehn Bahnen und 1.250 Quadratmetern Wasserfläche.


Eine Entscheidung, deren Bedeutung weit über zwei zusätzliche Bahnen hinausgeht.

Zehn Bahnen schaffen mehr Kapazität für Schul- und Vereinssport, ermöglichen eine bessere Aufteilung unterschiedlicher Trainingsgruppen und bieten bei Wettkämpfen deutlich mehr Möglichkeiten.


Nicht nur Bahnen: Die Wunschliste wurde erstaunlich konkret


Die Vorschläge aus dem Sport gingen allerdings viel weiter.

In den dokumentierten Karten aus der Beteiligung finden sich unter anderem:

eine Zuschauertribüne, eine Anzeigetafel für Wettkämpfe, Mehrkampfstarterblöcke, ein Bereich für die Zeitnahme und sogar ein Kabelkanal vom Becken zum Auswerteraum.


Auch die Bedürfnisse anderer Wassersportarten wurden eingebracht.

Für Taucher und Rettungsschwimmer wurden größere Wassertiefen gefordert. Für Unterwasserrugby und Tauchausbildung wurden vier Meter Tiefe genannt. Sogar die Idee eines 30 Meter tiefen Indoor-Tauchturms landete auf einer der Karten.

Natürlich konnte und sollte nicht jeder Wunsch umgesetzt werden.


Aber genau darum ging es bei der Beteiligung: zunächst zu sammeln, was aus Sicht der späteren Nutzer sinnvoll oder wünschenswert wäre, und anschließend zu prüfen, was davon technisch, betrieblich und finanziell realisierbar ist.


Ein kleines Detail zeigt, warum Praktiker wichtig sind


Manchmal ging es dabei um Dinge, die auf einem architektonischen Plan kaum auffallen.

Ein Beispiel ist der vorgeschlagene Kabelkanal zwischen Becken und Auswerteraum.


Bei größeren Schwimmwettkämpfen müssen zahlreiche Kabel der elektronischen Zeitmessung vom Becken zur Auswertung geführt werden. Werden solche Wege bei der Planung nicht berücksichtigt, liegen später Kabel auf Beckenumgängen und müssen mit provisorischen Lösungen gesichert werden.


Die Idee für einen entsprechenden Kabelweg entstand aus praktischen Erfahrungen mit anderen Wettkampfstätten. Eine solche Lösung war unter anderem nach dem Umbau der Dresdner Schwimmhalle zu sehen und wurde als sinnvolles Detail für Wiesbaden in die Diskussion eingebracht.


Es ist ein kleines Beispiel dafür, warum die Beteiligung aktiver Sportler und Vereine bei der Planung einer Sportstätte wichtig sein kann:

Wer Wettkämpfe erlebt und organisiert, sieht andere Dinge als jemand, der ein Schwimmbad ausschließlich auf einem Grundriss betrachtet.


Die Vereine blieben an der Planung beteiligt


Mit den Veranstaltungen von 2017 endete diese Beteiligung deshalb nicht.

2018 wurde ein Arbeitskreis zum Sportpark Rheinhöhe eingerichtet. Darin waren neben Politik und Verwaltung auch Vertreter der verschiedenen Wiesbadener Sportvereine und Nutzergruppen eingebunden.


Die Anforderungen wurden mit fortschreitender Planung konkreter.


2019 beschäftigte sich der Arbeitskreis unter anderem mit der Wettkampftauglichkeit des Sportbeckens. Auch der Deutsche Schwimm-Verband wurde in die Abstimmungen einbezogen.


Jetzt ging es nicht mehr um Karten an einer Wand, sondern um konkrete Fragen:

Wie müssen Start- und Wendeseiten aussehen? Welche Wassertiefe ist erforderlich? Welche Flächen brauchen Aktive und Kampfrichter? Wo können Wettkampfleitung und Zeitnahme arbeiten? Wie gelangen Schwimmer und Zuschauer durch das Gebäude? Welche technischen Voraussetzungen müssen bereits beim Bau berücksichtigt werden?


Aus Wünschen wurden Planungsdetails.


Kategorie A oder Kategorie B?


Eine der intensiv diskutierten Fragen betraf die Wassertiefe.

Für eine höherwertige Wettkampfkategorie stand eine durchgehend größere Wassertiefe im Raum. In den Beratungen 2019 wurde ausdrücklich diskutiert, ob eine Wassertiefe von 2,20 Metern für eine entsprechende Kategorie-A-Ausführung realisiert werden könne.


Am Ende fiel die Entscheidung anders.

Das heutige Sportbecken wird im überwiegenden Bereich 1,80 Meter tief. Im Bereich der Sprunganlage steigt die Tiefe auf 3,80 Meter.


Damit entsteht ein wettkampftaugliches Sportbecken, allerdings nicht in der ursprünglich von Teilen der Vereine gewünschten Kategorie A.


Diese Entscheidung ist inzwischen gebaut und damit abgeschlossen.


Und aus heutiger Sicht ist sie für die Zukunft des Wiesbadener Schwimmsports auch nicht mehr die entscheidende Frage.


Viel wichtiger ist, was Wiesbaden bekommen hat


Denn nach mehr als sieben Jahrzehnten mit einem ESWE-Bad, dessen Becken ausgerechnet für große offizielle Schwimmwettkämpfe einige entscheidende Zentimeter zu kurz war, bekommt Wiesbaden erstmals ein echtes modernes 50-Meter-Wettkampfbecken.


Zehn Bahnen.


Eine Zuschauertribüne für rund 200 Personen.


Eine Sprunganlage.


Flächen, die bei Wettkämpfen unter anderem für Wettkampfleitung und weitere Funktionen genutzt werden können.

Und vor allem eine Wasserfläche, auf der künftig wieder größere Schwimmveranstaltungen in Wiesbaden möglich werden.

Viele Punkte, die 2017 noch auf Karten standen, lassen sich heute im Rohbau wiederfinden.


Vom Zettel an der Wand zum fertigen Schwimmbecken


Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück.


Die zehn Bahnen des neuen Sportbades sind nicht irgendwann zufällig auf einem Bauplan erschienen.


Am Anfang standen Menschen, die überlegten, was Wiesbaden in den kommenden Jahrzehnten brauchen könnte. Bürger brachten Ideen ein. Vereine formulierten Anforderungen. Verwaltung und Planer prüften sie. Der Arbeitskreis begleitete den Prozess. Nicht jeder Wunsch wurde erfüllt, manche Vorstellungen wurden verändert und andere ganz verworfen.


Aber aus dieser Diskussion entstand Schritt für Schritt das Sportbad, das heute auf der Rheinhöhe gebaut wird.

Wenn dort künftig zehn Bahnen nebeneinander liegen, erinnert kaum noch etwas an die Karten, auf denen 2017 einmal „8–10 Bahnen“ geschrieben wurde.


Doch genau dort begann ein Teil ihrer Geschichte.


Und was machen wir jetzt mit zehn Bahnen?


Mit dem Bau des Beckens ist die Geschichte allerdings noch nicht zu Ende.

Denn ein großes Sportbecken allein schafft noch keinen starken Schwimmstandort.


Entscheidend wird sein, wie die Wasserfläche nach der Eröffnung tatsächlich genutzt wird.


Wie viel Wasser benötigen Schulen, Öffentlichkeit, Schwimmausbildung und Vereine? Welche Trainingszeiten braucht der Leistungssport? Wie können zehn 50-Meter-Bahnen sinnvoll ausgelastet werden? Und können auf der Rheinhöhe künftig Wettkämpfe entstehen, die Schwimmer aus Deutschland und Europa nach Wiesbaden bringen?

Damit verschiebt sich die Frage vom Bauen zum Nutzen.


Fortsetzung folgt:

Teil 6: Zehn Bahnen – aber für wen?


Wie viel Wasser braucht der Wiesbadener Schwimmsport eigentlich? Wie teilen sich Öffentlichkeit, Schulen, Schwimmschulen und Vereine die vorhandenen Kapazitäten? Und warum wird die Verteilung der Wasserzeiten darüber entscheiden, ob die Rheinhöhe ihr sportliches Potenzial tatsächlich entfalten kann?



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