Wiesbaden wächst – wächst der Wasserbedarf mit?

Fast 300.000 Menschen leben heute in Wiesbaden. In den kommenden Jahren könnten es noch deutlich mehr werden. Schon das Wiesbadener Bäderkonzept ging davon aus, dass mit einer wachsenden und älter werdenden Bevölkerung auch der Bedarf an Wasserflächen steigen wird. Was bedeutet das für die Rheinhöhe und die Zukunft der Wiesbadener Bäder?
Ein neues Bad wird nicht nur für heute gebaut
Wenn ein Schwimmbad geplant wird, liegt der Blick zunächst auf der Gegenwart.
Wie viele Menschen nutzen die vorhandenen Bäder? Wie viele Bahnen benötigen Schulen und Vereine? Welche Angebote werden von der Öffentlichkeit nachgefragt? Wie viel Wasserfläche muss ersetzt werden?
Doch ein Schwimmbad wird nicht für fünf oder zehn Jahre gebaut.
Das alte Hallenbad an der Mainzer Straße wurde 1954 eröffnet und ist mehr als 70 Jahre später noch immer in Betrieb. Auch die Rheinhöhe wird hoffentlich über viele Jahrzehnte Teil der Wiesbadener Infrastruktur sein.
Deshalb muss eine Bäderplanung immer auch eine Frage beantworten:
Wie entwickelt sich die Stadt, für die wir heute ein Schwimmbad bauen?
Schon das Bäderkonzept erwartete steigenden Bedarf
Diese Frage spielte bereits beim Wiesbadener Bäderkonzept eine wichtige Rolle.
Dabei kam man keineswegs zu dem Ergebnis, Wiesbaden verfüge über besonders viel Wasserfläche und könne deshalb auf Kapazitäten verzichten.
Im Gegenteil.
In der damaligen Sitzungsvorlage heißt es zum „Erhalt der Wasserflächen“, die den Wiesbadener Einwohnerinnen und Einwohnern zur Verfügung stehende Wasserfläche sei im Vergleich „nicht überdurchschnittlich groß“.
Noch bemerkenswerter ist der unmittelbar folgende Satz:
„Vielmehr noch, ist davon auszugehen, dass der Bedarf an Wasserflächen in den nächsten Jahren sogar leicht steigen wird.“
Als Gründe nennt die Vorlage ausdrücklich die steigende Bevölkerungsprognose für Wiesbaden und den Anstieg des durchschnittlichen Lebensalters.
Damit wurde schon damals ein wichtiger Grundsatz für die weitere Bäderplanung formuliert:
Die vorhandene Wasserfläche sollte nicht allein anhand des damaligen Bedarfs beurteilt werden.
Die damalige Prognose ist inzwischen überholt
Interessant ist der Blick auf die Zahlen, mit denen damals geplant wurde.
Für das Jahr 2016 wurden 289.544 Einwohner zugrunde gelegt. Für 2030 rechnete die damalige Prognose mit 301.829 Einwohnern. Das entsprach einem erwarteten Wachstum von 4,2 Prozent.
Inzwischen gibt es eine neue Bevölkerungsvorausberechnung der Landeshauptstadt.
Ende 2022 lebten bereits 296.127 Menschen in Wiesbaden. Die aktuelle Hauptvariante der städtischen Vorausberechnung erwartet für 2030 etwa 307.000 Einwohner und bis 2040 sogar rund 328.000 Menschen. Die Stadt weist dabei ausdrücklich darauf hin, dass eine solche Vorausberechnung keine exakte Vorhersage, sondern eine Modellrechnung auf Grundlage bestimmter Annahmen ist.
Ende 2024 hatte Wiesbaden bereits 299.932 Einwohner.
Die grundsätzliche Entwicklung, die das Bäderkonzept damals berücksichtigen wollte, ist damit weiterhin hochaktuell:
Wiesbaden wächst.
Mehr Einwohner bedeuten mehr potenzielle Nutzer
Natürlich lässt sich daraus keine einfache Formel ableiten.
Zehn Prozent mehr Einwohner bedeuten nicht automatisch zehn Prozent mehr benötigte Wasserfläche. Die tatsächliche Nachfrage hängt von vielen Faktoren ab: Altersstruktur, Schulentwicklung, Freizeitverhalten, Vereinsangeboten, Öffnungszeiten und nicht zuletzt davon, wie effizient unterschiedliche Wasserflächen genutzt werden.
Aber ebenso wenig kann die Entwicklung der Einwohnerzahl für die langfristige Infrastrukturplanung bedeutungslos sein.
Mehr Einwohner bedeuten grundsätzlich auch mehr potenzielle Nutzer der Bäder.
- Mehr Kinder wollen schwimmen lernen.
- Mehr Schülerinnen und Schüler benötigen Möglichkeiten für Schulschwimmen.
- Mehr Menschen möchten ihre Bahnen ziehen oder andere Freizeit- und Sportangebote im Wasser nutzen.
Und auch die Nachfrage bei Schwimm- und Wassersportvereinen kann wachsen.
Wie unmittelbar sich das auswirkt, erleben wir beim SC Wiesbaden schon heute. Wie in Teil 7 unserer Serie beschrieben, fragen jährlich rund 200 bis 300 Kinder nach einem Vorschwimmen. Die Möglichkeiten zur Aufnahme werden jedoch wesentlich durch die verfügbaren Wasserzeiten begrenzt.
Von fünf langen Bahnen zu zehn 50-Meter-Bahnen
Der Unterschied zwischen dem alten ESWE-Bad und der Rheinhöhe ist deshalb bemerkenswert.
Im alten Hallenbad an der Mainzer Straße stehen auf der langen Bahn fünf Bahnen zur Verfügung.
Das neue Sportbecken der Rheinhöhe erhält zehn 50-Meter-Bahnen.
Damit verdoppelt sich die Zahl der langen Bahnen.
Diese Entwicklung darf allerdings nicht als einfache Rechnung aus der Bevölkerungsprognose verstanden werden.
Das Bäderkonzept hat nicht festgelegt: Wiesbaden wächst, also benötigen wir zehn Bahnen.
Die konkrete Größe des Sportbeckens entstand später aus Raumprogramm, Anforderungen der verschiedenen Nutzer, Bürger- und Vereinsbeteiligung sowie dem weiteren Planungsprozess.
Die zehn Bahnen sind deshalb keine mathematische Folge des Bevölkerungswachstums.
Aber sie stehen für einen wichtigen Gedanken:
Ein neues Bad sollte nicht lediglich die Möglichkeiten eines jahrzehntealten Vorgängers kopieren.
Mehr Möglichkeiten statt nur Ersatz
Genau darin liegt eine große Chance der Rheinhöhe.
Das alte ESWE-Bad einfach durch ein neues Gebäude mit denselben Möglichkeiten zu ersetzen, hätte zwar das bauliche Problem gelöst. Es hätte aber die Entwicklung Wiesbadens kaum berücksichtigt.
Die Rheinhöhe schafft dagegen neue Möglichkeiten.
Zehn 50-Meter-Bahnen können unterschiedliche Nutzungen gleichzeitig ermöglichen. Öffentlichkeit und Vereinssport müssen sich nicht zwangsläufig vollständig voneinander trennen. Das separate Lehrbecken schafft weitere Möglichkeiten für Schulen, Schwimmausbildung und Kurse.
Und wie wir in Teil 7 gezeigt haben, kann die neue Infrastruktur sogar an anderer Stelle wirken: Wenn leistungsorientierte Gruppen häufiger auf geeigneten 50-Meter-Bahnen der Rheinhöhe trainieren können, können dadurch 25-Meter-Wasserzeiten im Kleinfeldchen für Nachwuchsgruppen frei werden.
Neue Wasserfläche kann also auch vorhandene Wasserfläche besser nutzbar machen.
Infrastruktur muss mit einer Stadt mitdenken
Wiesbaden beschäftigt sich auch in anderen Bereichen mit den Folgen seines Wachstums.
Das Stadtentwicklungskonzept Wiesbaden 2030+ beschreibt die steigenden Bevölkerungszahlen ausdrücklich als Herausforderung für die zukünftige Stadtentwicklung. Wohnraum, Verkehr, Gewerbeflächen, Freiräume und weitere Infrastrukturen müssen auf eine wachsende Stadt reagieren.
Bei Schwimmbädern ist das nicht anders.
Wasserflächen lassen sich allerdings nicht kurzfristig schaffen, wenn der Bedarf plötzlich steigt. Von der ersten Idee über Standortsuche, Finanzierung und Planung bis zur Eröffnung können viele Jahre vergehen.
Die Geschichte vom ESWE-Bad zur Rheinhöhe zeigt das besonders eindrucksvoll.
Gerade deshalb muss Bäderplanung langfristig denken.
Die Rheinhöhe ist ein wichtiger Schritt – aber kein Schlusspunkt
Mit der Rheinhöhe erhält Wiesbaden eine neue Generation seiner Bäderinfrastruktur.
Das ist ein großer Schritt.
Aber die Eröffnung eines neuen Schwimmbades kann nicht bedeuten, dass die Frage nach Wiesbadens Wasserflächen anschließend für die nächsten Jahrzehnte beantwortet ist.
- Die Stadt entwickelt sich weiter.
- Die Einwohnerzahl verändert sich. Neue Stadtquartiere entstehen. Schulen entwickeln sich. Freizeitverhalten verändert sich.
- Vereine wachsen oder entwickeln neue Angebote.
- Und gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur der Bevölkerung.
Das wusste bereits das damalige Bäderkonzept.
Die aktuelle Bevölkerungsprognose zeigt, wie wichtig dieser Gedanke weiterhin ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie viel Wasser braucht Wiesbaden heute?
Sondern: Wie viel Schwimmen wollen wir in einer wachsenden Stadt morgen ermöglichen?












