Ein Bad für viele

Vom Planschbecken bis zur 50-Meter-Bahn – wie Freizeit und Sport zusammenfinden können


Ein Schwimmbad ist einer der wenigen Orte, an dem ein Kleinkind seine ersten Erfahrungen mit dem Wasser machen, ein Jugendlicher für die Deutschen Meisterschaften trainieren, ein Erwachsener nach Feierabend seine Bahnen ziehen und ein Senior seinen Sport bis ins hohe Alter fortsetzen kann. Oft nutzen sie sogar dasselbe Bad. Die Rheinhöhe bietet die Chance, diese unterschiedlichen Bedürfnisse nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu verbinden.


In Teil 9 unserer Wiesbadener Schwimmbadgeschichte haben wir gezeigt, dass Sport im Wasser kein festes Verfallsdatum haben muss. Doch der Blick auf das Alter führt zu einer noch größeren Frage: Was brauchen Menschen eigentlich von einem Schwimmbad im Laufe ihres Lebens?


Die Antwort verändert sich immer wieder.


Für ein kleines Kind kann Wasser zunächst bedeuten, gemeinsam mit den Eltern zu planschen und Vertrauen zu gewinnen. Später geht es vielleicht darum, schwimmen zu lernen. Danach können Verein, Freizeit- oder Leistungssport folgen. Als Erwachsener wird möglicherweise selbstständig trainiert. Und Jahrzehnte später kann aus dem ehemaligen Leistungsschwimmer ein Masters-Schwimmer oder einfach ein regelmäßiger Badegast werden.


Das Wasser bleibt. Nur die Art, wie wir es nutzen, verändert sich.


Vom ersten Wasserkontakt bis zum Sport


Wer an Schwimmsport denkt, sieht schnell lange Bahnen, Startblöcke und Wettkämpfe. Der Weg dorthin beginnt jedoch häufig ganz anders.


Kleine Kinder brauchen zunächst geschützte Bereiche, geeignete Wassertiefen und Möglichkeiten, Wasser spielerisch kennenzulernen. Beim Schwimmenlernen werden andere Bedingungen wichtig: überschaubare Gruppen, passende Wassertiefe und eine Umgebung, in der sich Anfänger auf ihre ersten Schwimmbewegungen konzentrieren können.


Mit zunehmendem Können verändern sich die Anforderungen erneut. Techniktraining und Nachwuchssport können auf kürzeren Bahnen sinnvoll stattfinden. Mit wachsendem Trainingsumfang werden längere Bahnen zunehmend wichtig. Im Leistungssport gehören 50-Meter-Bahnen zum normalen Trainingsbedarf.


Die verschiedenen Wasserflächen eines Bades erfüllen deshalb nicht dieselbe Aufgabe.

Gerade darin liegt ihre Stärke.


Sport ist nicht automatisch Vereinssport


Zwischen Freizeitbad und organisiertem Sport befindet sich eine große Gruppe, die in Diskussionen über Wasserzeiten leicht übersehen wird: Menschen, die selbstorganisiert Sport treiben.


Wer zwei- oder dreimal pro Woche Eintritt bezahlt und 1.500 oder 2.000 Meter schwimmt, betreibt Sport. Dafür braucht es keinen Trainer, keinen Verein und keine reservierte Trainingsbahn.


Es braucht aber ausreichend Platz, geeignete Bahnen und verlässliche Öffnungszeiten.


Damit überschneiden sich die Bedürfnisse dieser Badegäste durchaus mit denen des organisierten Sports. Beide wollen schwimmen. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie ihr Sport organisiert ist.


Das ist wichtig, wenn über die zukünftige Nutzung der Rheinhöhe gesprochen wird. Öffentlichkeit und Vereinssport sind nicht automatisch Gegensätze.


Gerade ein Sportbecken mit zehn Bahnen eröffnet grundsätzlich die Möglichkeit, unterschiedliche Formen des Schwimmens nebeneinander stattfinden zu lassen, sofern die spätere Betriebs- und Belegungsplanung dies ermöglicht.


Ein Mensch kann viele Nutzerrollen haben


Noch deutlicher wird die Verbindung, wenn man nicht auf Nutzergruppen, sondern auf einzelne Menschen schaut.

Ein Kind besucht zunächst mit seinen Eltern das Freizeitbad. Später nimmt es an einem Schwimmkurs teil und wechselt vielleicht in einen Verein. Als Jugendlicher trainiert es mehrmals pro Woche. Nach Ausbildung oder Studium bleibt möglicherweise weniger Zeit für den Verein, aber es schwimmt weiterhin selbstständig. Jahre später entdeckt es den Masters-Sport.


Oder eine Familie kommt gemeinsam in die Rheinhöhe: Ein Kind trainiert im Verein, ein Elternteil zieht als Badegast seine Bahnen, ein anderes Familienmitglied nutzt einen Freizeitbereich und die Großeltern interessieren sich vielleicht für ein Bewegungsangebot oder die Sauna.


Die Bezeichnungen Badegast, Kursteilnehmer, Vereinssportler oder Masters-Schwimmer beschreiben deshalb häufig nicht verschiedene Menschen.


Sie können verschiedene Phasen im Leben desselben Menschen beschreiben.


Freizeit und Sport sind keine Gegensätze


Das gilt ebenso für den Begriff Freizeitbad.


Nicht jeder Besuch muss sportlich sein. Kinder wollen rutschen und spielen. Familien möchten Zeit miteinander verbringen. Menschen suchen Entspannung. Andere nutzen Sauna oder Gastronomie.


Auch dafür ist ein Bad da.


Die Stadt selbst beschreibt den Sportpark Rheinhöhe als Angebot für Schulen und Vereine, sportlich Aktive und Hobbysportler, Eltern und Kinder sowie Menschen, die Entspannung suchen.


Das ist mehr als eine Aufzählung verschiedener Zielgruppen. Es beschreibt die eigentliche Herausforderung eines modernen Freizeit- und Sportbades:

Es muss unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig denken können.


Ein Freizeitangebot wird nicht schlechter, weil im selben Gebäude Leistungssport stattfindet. Und ein Sportbad verliert nicht seinen sportlichen Wert, weil Kinder dort ebenfalls Spaß haben oder Menschen zur Erholung kommen.


Entscheidend ist, dass die unterschiedlichen Funktionen räumlich und zeitlich sinnvoll organisiert werden.


Unterschiedliche Wasserflächen für unterschiedliche Bedürfnisse


Genau hier besitzt die Rheinhöhe gegenüber einem einzigen großen Becken einen wesentlichen Vorteil.


Nicht jeder braucht dasselbe Wasser.


Wer seine ersten Schwimmbewegungen lernt, benötigt andere Bedingungen als jemand, der 5.000 Meter trainieren möchte. Schulunterricht funktioniert anders als öffentliches Bahnenschwimmen. Ein Familienbesuch stellt andere Anforderungen als Leistungssport.


Die Planung der Rheinhöhe verbindet deshalb unterschiedliche Bereiche innerhalb eines gemeinsamen Sport- und Freizeitstandortes. Dass dort künftig eine große Bandbreite von Nutzungen zusammenkommen soll, wird auch von der Stadt ausdrücklich als Ziel des Projekts beschrieben.


Daraus entsteht die Möglichkeit, Nutzungen stärker nach ihrem tatsächlichen Bedarf zu organisieren.

Das große Sportbecken kann öffentliches Bahnenschwimmen, Vereins-, Masters-, Breiten- und Leistungssport aufnehmen. Lehr- und weitere Becken schaffen Möglichkeiten für Schwimmausbildung, Schulen, Kurse, Familien und andere Angebote. Freizeit- und Erholungsbereiche erfüllen wiederum ganz andere Bedürfnisse.


Nicht alles muss in dasselbe Becken gedrängt werden.


Zehn Bahnen können Gemeinsamkeit ermöglichen


In Teil 5 haben wir beschrieben, wie die Forderung nach acht bis zehn 50-Meter-Bahnen in den Planungsprozess gelangte.

Heute kann man darin noch einen weiteren Vorteil erkennen.


Zehn Bahnen bedeuten nicht nur mehr Trainingskapazität. Sie ermöglichen grundsätzlich auch eine stärkere Parallelität der Nutzung.


Während auf einigen Bahnen Vereinstraining stattfindet, können andere Bahnen für öffentliches Schwimmen zur Verfügung stehen. Unterschiedliche Trainingsgruppen können gleichzeitig arbeiten. Auch verschiedene Leistungsniveaus lassen sich besser voneinander trennen.


Das funktioniert natürlich nicht zu jeder Zeit und bei jeder Nutzung.

Ein Schwimmbad braucht geschützte Bereiche und Zeiten. Schulschwimmen, Schwimmausbildung und organisierter Sport benötigen verlässliche Bedingungen. Und bei Wettkämpfen wird das Sportbad mit seinen Becken und Funktionsflächen für den Wettkampfbetrieb benötigt.


Gemeinsamkeit bedeutet deshalb nicht, dass immer alles gleichzeitig stattfinden muss.

Sie bedeutet, die gesamte Infrastruktur über den Tag, die Woche und das Jahr möglichst sinnvoll zu nutzen.


Ein Bad verändert sich im Tagesverlauf


Morgens können andere Bedürfnisse im Vordergrund stehen als am Nachmittag oder Abend.

Schulen benötigen Wasser überwiegend während des Schultages. Kinder und Jugendliche brauchen Trainings- und Kurszeiten, die mit Schule und Familie vereinbar sind. Berufstätige können eher früh morgens oder abends schwimmen. Leistungssport benötigt längere und regelmäßige Trainingseinheiten. Andere Gruppen können zeitlich flexibler sein.

Deshalb ist Wasserfläche nur eine Dimension der Nutzung.


Die zweite ist die Zeit.


Ein gutes Nutzungskonzept muss beides miteinander verbinden.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wer bekommt welche Bahn?

Sondern auch: Wer braucht welche Wasserfläche zu welcher Zeit und für welchen Zweck?


Auch wirtschaftlich gehören die Nutzer zusammen


Ein öffentliches Bad muss nicht nur sportlich funktionieren. Es muss auch wirtschaftlich möglichst sinnvoll betrieben werden.

Dabei spielen zahlende Badegäste, Freizeitangebote, Sauna und Gastronomie eine wichtige Rolle. Für den Sportpark Rheinhöhe wird deshalb ein eigenes Tarif- und Preiskonzept entwickelt.


Gleichzeitig bringen Schulen und Vereine gesellschaftliche Leistungen in die Anlage: Schwimmausbildung, Nachwuchsarbeit, Breitensport, Leistungssport, ehrenamtliches Engagement und Veranstaltungen.


Auch hier sollte deshalb nicht vorschnell in konkurrierenden Welten gedacht werden.


Wo öffentliches Schwimmen und Vereinstraining parallel möglich sind, kann dieselbe Infrastruktur gleichzeitig unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Wo Familien verschiedene Angebote des Hauses nutzen, greifen Freizeit, Sport und Erholung ineinander.

Und wer als Kind über einen Schwimmkurs zum Sport findet, kann später jahrzehntelang Badegast bleiben.


Ein Bad für Generationen


Damit schließt sich der Kreis zu Teil 9.

Ein Schwimmbad begleitet Menschen nicht nur durch verschiedene Sportarten oder Leistungsstufen. Es kann sie durch große Teile ihres Lebens begleiten.


Vom Planschen zum Schwimmenlernen.

Vom Schwimmenlernen zum regelmäßigen Sport.

Vom Nachwuchs vielleicht zum Leistungssport.

Vom Verein möglicherweise zum selbstorganisierten Schwimmen.

Und vom Erwachsenen- zum Masters-Sport bis weit ins höhere Alter.


Nicht jeder Mensch wird diesen gesamten Weg gehen. Aber ein gutes Bad hält möglichst viele dieser Wege offen.

Genau deshalb sollte eine Anlage, die für Jahrzehnte gebaut wird, nicht ausschließlich nach einzelnen heutigen Nutzergruppen gedacht werden.


Sie muss Veränderungen ermöglichen.


Die Stärke liegt in der Vielfalt


Der Sportpark Rheinhöhe soll das Sport-, Freizeit- und Erholungsangebot für die Wiesbadener Bevölkerung verbessern. Die Stadt verbindet mit der Bündelung verschiedener Nutzungen ausdrücklich auch räumliche und energetische Synergien.

Diese Idee lässt sich auf die spätere Nutzung übertragen.


Die Stärke der Rheinhöhe wird nicht darin liegen, ausschließlich ein hervorragendes Sportbad, ein Familienbad, eine Schwimmschule oder einen Ort der Erholung zu sein.


Ihre besondere Chance liegt darin, vieles davon miteinander verbinden zu können.

Kinder und Senioren.

Anfänger und Leistungssportler.

Vereinsschwimmer und selbstorganisierte Sportler.

Schule und Freizeit.

Training und Erholung.

Familien und Einzelbesucher.


Nicht jeder braucht dasselbe Wasser.


Aber Wiesbaden braucht Wasser für viele.


Und genau deshalb führt diese Geschichte unmittelbar zu ihrer letzten Frage:


Wie organisieren wir all diese Möglichkeiten so, dass aus einer neuen Infrastruktur möglichst viel Nutzen und Lebensqualität für Wiesbaden entsteht?

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